Das ganze Jahr in den USA zu überleben, ohne einem pferdigen Freund zumindest mal über die Nase zu streicheln stand von Anfang an eher nicht zur Debatte. Angie wusste auch von Beginn an, dass ich gerne Reite und dem Hobby auch weiterhin nachgehen möchte. Nicht umsonst habe ich ja meine halbe Reitausrüstung in den Koffer gequetscht. Sie hat mich dann an meinem zweiten Tag in Princeton gleich ins Auto eingepackt und ist mit mir zu einem Stall zwischen Uni und Haus gefahren. Ich könnte dort ja die Community Hours abarbeiten und nebenbei noch Spaß dabei haben.

Der Stall ist ein recht erfolgreicher Trainingsstall für American Saddlebred Showpferde und Hackney Ponys. Im Schnitt sind diese Tiere 175 cm groß, hauptsächlich braun- oder fuchsfarben mit hoch angesetztem Hals und aufgestelltem Schweif. Auf den Pferdeshows wird vor allem das Aussehen und der Gang bewertet. Je höher und aufrechter, desto „besser“. Das Pferd soll vor allem schön, stolz und etwas wild unter dem Reiter aussehen.

Als Angie und ich in die dick eingestreute Stallgasse stolperten, wurden wir recht freundlich von den Besitzern begrüß. Nachdem wir mein Anliegen erklärt hatten, waren sie erfreut, das ich gerne dort „arbeiten“ möchte, hatten aber im August keine Kapazitäten, mich einzulernen. Also soll ich mich ca. nach Labor Day im September wieder melden, nachdem sie von einer großen Pferdeshow zurück sind. Ich sagte, das ich das tun werde. Bei diesem kurzen Besuch ist mir aber schon einiges aufgefallen, was mich etwas stutzig werden ließ was z.B. die Haltungsstandarts angeht. Die Pferde zu denen ich in die Boxen reinschaute waren allesamt eher schreckhaft und wichen in der Box zurück. Auch trugen alle ein Geschirr mit einer Halterung am Ende, die den Schweif in einem gewissen Winkel hochbiegt. Darüber eine dünne Fliegendecke, wahrscheinlich, damit man es nicht so sieht. Hat mich im ersten Moment schon geschockt, aber mal sehen, dachte ich mir.

Meine „Arbeit“ soweit

Was soll ich sagen, ich habe in diesem Stall jetzt schon mehr als 100 Stunden „gearbeitet“.  Hausptsächlich, weil wir sonst eher so garnichts in der Nähe haben, was Pferde angeht und ich eventuell einige der Pferdis schon etwas lieb gewonnen hab. Seit dem kann man in meinem Whatsapp Status regelmäßig Pferde und Hunde sehen die auf der Farm so rumlaufen. Hauptsächlich bin ich sowas die die Meisterin der Lederpfelge geworden, weil ich hauptsächlich in der Sattelkammer stehe und das Leder von z.B. den Halftern reinige und mit Lederpflege einschmiere. Ich mach aber auch die Pferde fertig für ihr Workout, heißt Putzen, aufzäumen und dann nach dem Workout alles wieder rutner und nochmal Putzen. Das doppelte Putzen macht das Fell extra weich und glänzend.

Was mich sehr freut: ich darf dort auch fast regelmäßig reiten. Nadia, das Schulpferd. Ich nenne sie auch liebevoll Naddel wenn keiner zuhört. Anfangs mochte sie mich eher nicht und hat mich eher runterbukeln wollen, aber nach ein paar Wochen haben wir uns recht gut eingespielt. Auf ihr habe ich gelernt, wie man einen Tölt/Pass reitet. Tölt ist eine Zwischengangart, ist aber so schnell wie Galopp. Zumindest fühlt es sich so an. Oder eher wie ein seltsamer Trab. Ich glaube das beschreibt es am besten. Eigentlich machen das nur die Isländer so, aber hier wird es den Saddlebred Pferden beigebracht, da sie die einzige Großpferderasse ist, die natürliche Veranlagungen dazu hat.

Und jeden Morgen füttere ich das 34-jährige Rentnerpferd auf der Ganzjahresweide namens Pete. Auf dieser Weide steht noch ein Pferd von einer Stallmitarbeiterin und ein weiteres Schulpferd, das aber aus irgend welchen Gründen nicht mehr geritten wird.

Das lustige an der Sache ist, das ich bereits gefragt wurde, ob ich nicht einfach jeden Tag kommen kann, weil die Pferde mich so mögen. Das geht aber leider nicht, weil ich ja irgend wann auch noch in die Schule gehen muss.

Was ich sonst noch so gelernt habe

Noch nie voher war mir bewusst, wie gut es unsere Pferde daheim haben. Ich habe beschlossen, mich auf diese Erfahrung in der Pferdewelt einzulassen, um die Unterscheide rauszufinden und den Pferden hier das Leben in ihren Boxen etwas interessanter zu gestalten.

Die langweilen sich nämlich nach ihrem 15-Minuten-intensiv-Workout schon ein bisschen. Da kann es schon mal sien, das die Box oder die Bretter darin angeknabebrt werden. Aber es gibt dafür eine Lösung: Chayenne-Pfeffer und Vaseline. Das wird dann auf die Bretter geschmiert und zack hat es sich ausgeknuspert. Das riecht auch die ersten zwei Wochen extrem scharf.

Zum aller ersten Mal habe ich auch ein Pferd geschoren. Das ist vergleichbar wie eine Wand streichen, man vergisst Stellen, geht dann noch mal drüber, und irgendwie ist der ganze Prozess schon „satisfying“. Das dauert ca. 2 Stunden bis das komplette Pferd geschoren ist, weil man zwischendurch die Klinge abkühlen lassen muss. Das Tasthaare- und Ohrenrasieren bei den Showpferden habe ich dann aber doch lieber der Stallbesitzerin überlassen.

Pfefferminzbonbons sind hier das Zahlungsmittel, um die Zuneigung eines Pferdes zu erkaufen. Allgemein stehen sie hier eher auf Süßes. Ich habe mein Glück mit getrocknetem Brot versucht, das fanden sie schon recht cool, weil es geknuspert hat beim kauen, aber so wirkliche Fans davon waren sie nicht. Karotten die ich mitgebracht habe wurden zum Beispiel von Pete gekonnt aussortiert, weil er nicht wusste das man das essen kann.

Und dann gibt es ja noch Arnie (auf dem überdiemnsionalen Video), der eigentlich Bermuda Schwartz heißt. Der hatte ja trotz seiner fast 1,80 Meter Größe Angst vor der Karotte in meiner Hand. Oder der Bürste. Oder dem Handtuch. Er ist mein absoluter Liebling im Stall, ich hab ihn gesehen und wir haben uns gleich mega gut verstanden. Aktuell ist der kleine Ferrari 2 Jahre alt und würde für einen sehr sehr stolzen Preis zum Verkauf stehen. Also falls jemand zufüllig ein paar Tausender übrig hat und nicht weiß wohin damit – Ich nehm sie gerne! 🙂

Im nächsten Blogeintrag schreib ich mal etwas über die Homecoming-Parade und Halloween, zwei sehr interessante Festlichkeiten bei uns auf dem Campus und unter den Studenten. Bis dahin! 🙂

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