Nach nun einem guten Monat hier in den USA wird es an der Zeit, ein paar Mythen, die wir Deutsche über die Amerikaner so gehört haben, mit Fakten zu vergleichen. Das Vergleichen liebt ja auch meine Kriminologie Professorin Dr. Pace so sehr.

#1 Die Amerikaner essen nur Fastfood.

Dieser Aussage kann ich aktuell nur bedingt zustimmen. Ich hab hierfür ein lustiges Beispiel. Ich wollte für Angie und mich Weißweinbolognese von Alexander Hermann kochen. Hab ich ja Zuhause schon mal gemacht und es hat sehr gut geschmeckt. Als ich Angie dann die Zutatenliste gezeigt habe, meinte sie dann nur „Du kochst die Soße aus einzelnen Zutaten? Warum kaufst du nicht eine fertige Soße, das geht doch schneller?“ Über diese Aussage war ich etwas schockiert, aber wenn ich dann darüber nachdenke, was Angie sonst so kocht, war mir klar, dass sie das nicht gewohnt ist, frisch zu kochen. Meistens holen wir nämlich aus einem nahegelegenen Restaurant etwas oder wärmen das, was übrig geblieben ist, nach einer Woche nochmal auf. Das Angebot von Fastfood ist in Princeton wirklich schwer zu toppen: McDonalds, Chili’s, Wendy’s, Arby’s, Chick-Fil-A, … alles an einer Straße. Angie hatte auch den Luxus, ein paar Jahre neben einer älteren Dame zu wohnen (die leider mit 98 Jahren verstorben ist), die jeden Abend für sie mit gekocht hat. Also kein Wunder. In meiner Schulkantine gibt es beides, Fastfood wie Pizza und Burger gibt es immer, aber auch eine Salatbar oder wechselndes warmes Essen. Dort kann man auch so viel essen wie man will.

#2 Die Amerikaner fahren nur große Trucks und SUVs.

Schaut man auf die Straßen von Princeton, würde man in einem kleinen Opel Corsa wahrscheinlich plattgemacht werden. GMC, Cadillac und Ford dominieren hier. Ein Kia Sportage gilt hier eher als kleiner SUV. Die Amerikaner leben und lieben ihre großen Karren. Ich bin ja schon froh, das mein Buick etwas größer ist, mit etwas kleinerem hätte ich im Verkehr tatsächlich Angst, übersehen zu werden. Es gibt hier auch Motorrad-Fahrer, entweder Harley Davidson Modelle die man aus 3 Meilen Entfernung schon hören kann, oder Kawasaki Ninjas. Modelle dazwischen gibt es nicht. Die Motorradfahrer tragen übrigens (wenn sie ihr Leben lieben) eine dünne Lederjacke, ansonsten normale Straßenkleidung wie T-Shirt oder Jeans. Aber Motorradfahrer sieht man eher selten.

#3 Alle Amerikaner sind übergewichtig.

Ich muss sagen, im Vergleich zu Deutschland, wenn ich mir die Schüler an der Concord ansehe, haben hier wirklich sehr viele Übergewicht. Aber auch viele Erwachsene leiden darunter. Ob das genetisch oder essbedingt ist, weiß ich nicht. Jedoch muss ich zugeben, die meisten Amerikaner sind einfach größer und breiter, wie als würde man ein Bild in einem Word-Dokument größer zieht. Und das ist nicht nur bei den Footballspielern oder Basketballspielern so, neben denen ich ziemlich mickrig aussehe.

#4 In Amerika interessiert man sich nur für sich selbst, nicht für andere Länder.

Die Aussage „America first“ kennen wir ja alle noch aus der letzten Präsidentschaft. Der Gedanke hat sich zumindest in der Umgebung meiner Gastmama hartnäckig gehalten. Ja, die Amerikaner interessieren sich hauptsächlich erst einmal für ihre eigenen Probleme, was an sich ja kein schlechter Ansatz ist, denn sie haben mehr als genug Baustellen. Würde ein anderes Land pleite gehen (wie damals Griechenland), würden sie erst einmal mit den Schultern zucken und sich weiter um ihren Kram kümmern. Wenn man den Nachrichtensender FOX News schaut, kommen keine internationalen Nachrichten, außer News von den Taliban. Als mir Angie dann heute morgen die Schlagzeile „Linksradikale Partei gewinnt Wahl in Deutschland“ vorgelesen hat, dachte ich mir auch, das die Medien hier die SPD damit ja schon etwas übertrieben darstellen.

#5 Es gibt nur Demokraten oder Republikaner.

Die amerikanische Gesellschaft wird mit der Arbeit ihrer Politiker zunehmend unzufriedener. Nur zwischen zwei großen Parteien wählen zu können, die dann nur die Ziele der eigenen Partei verfolgen und nicht das Volk vertreten, ist vielen Amerikanern ein Dorn im Auge. Viele sind mit der Gesamtsituation unzufrieden. In West Virginia ist man eher republikanisch angehaucht und schiebt einen Hass auf Joe Biden, den ich nicht Nachvollziehen kann. Aber nach ein paar Interviewausschnitten von Trump auf FOX News (die ihn sowieso mögen) kann ich nachvollziehen, warum ihn so viele als Präsidenten wollten und immer noch wollen. Ich will jetzt nicht sagen, dass er schlau ist, aber er kommt im amerikanischen TV schon gebildeter rüber als im deutschen Fernsehen. Ich bin jedoch der Meinung, das eine demokratische Regierung aktuell gar nicht mal so schlecht ist. Mal sehen wie lange es dauert, bis es den nächsten Sturm auf das Kapitol gibt.

#6 Alle Amerikaner schwimmen im Geld.

Die sogenannte „Schere zwischen Arm und Reich“ konnte ich noch nie so deutlich sehen wie hier. in der einen Ortschaft sieht man noch schöne Häuser, in der nächsten sind die Häuser zerfallen und zugewuchert. In den Städten leben viele Obdachlose. Ich habe im Rahmen von den Community Hours bei den Rotary geholfen, Schulrucksäcke mit Stiften und Blöcken an bedürftige Kinder auszugeben. Und wie viele gekommen sind, war unglaublich. Zum Teil sahen die Kinder schon etwas verwahrlost aus, die Eltern sogar noch schlimmer. Diese Leute, die ihren Kindern nicht einmal eine Schultasche kaufen können, tun mir eigentlich nur leid. Im Gegensatz zu diesen Leuten gibt es dann aber auch das krasse Gegenteil. Angies frühere Zimmergenossin aus Collegezeiten besitzt mit ihrem Mann und ihren zwei Pudel drei $80.000 Autos, ein Haus an der Küste von Virginia und ein Zweithaus im Wald. Man glaubt in Amerika generell immer noch sehr an das Prinzip „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Wer etwas aus seinem Leben machen möchte, muss dafür hart arbeiten. Von nichts kommt nichts. Aber wie sollen das dann Kinder schaffen, die nicht mal eine Schultasche von ihren Eltern bekommen?

 

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